Selbstverhexung und Selbstreflexion

„Ich denke, also bin ich!“ so die verkürzte Version der Erkenntnis des Philosophen René Descartes.

Doch wenn ich im Tiefschlaf bin denke ich nicht oder bin mir meines Denkens nicht bewusst. Trotzdem bin ich mir meiner Selbst wieder bewusst wenn ich am nächsten Morgen aufwache.

Bin ich nun zeitweise nicht existent wenn ich im Tiefschlaf bin oder bin ich meiner Selbst nicht bewusst? – Ein wahrhaft flackerndes Phänomen dieses Ich und damit auch des Selbst!

Bin ich nun und wenn ja wer bin ich? Wenn wir diese Frage auf der Zunge zergehen lassen kommen wir in der Regel auf eine Vielzahl von Fragen.

Wir weisen uns durch unsere Wahrnehmung, deren Bewertung und der Annahme, der Ablehnung oder des Wunsches wie wir gerne sein möchten oder wie wir zu sein hätten oder, oder, oder unser Selbst immer wieder aufs Neue zu: Das ist die Selbstverhexung!

Wir spiegeln uns in unserem Bewusstsein und der Welt und kommen im Innersten nie zur Ruhe – d.h. die Selbstwahrnehmung ist in einem ständigen Werden und Vergehen begriffen indem wir uns immer wieder aufs Neue erfinden.

Der Prozess der den Selbst Reflexionsprozess in Gang hält wird unter anderem durch alle Gedanken die sich mit Selbstidentifikation beschäftigen in Gang gehalten.

Im Palikanon wird dies wie folgt wiedergegeben: Es lassen sich 18 Fährten des Begehrens welche durch die eigene Person bedingt sind identifizieren:

Was sind nun die achtzehn durch die eigene Person bedingten Fährten des Begehrens? Besteht da, ihr Mönche, der Gedanke: ‚Ich bin‘, so entstehen auch die Gedanken:

  • ‚Das bin ich‘ – ‚Genauso bin ich‘ – ‚Anders bin ich (besser oder geringer)‘
  • ‚[Ewig] seiend bin ich‘ – ‚Nicht [ewig] seiend bin ich
  • ‚Ich mag wohl sein‘ – ‚Ich mag wohl das sein‘ – ‚Ich mag wohl genauso sein‘ – ‚Ich mag wohl anders sein‘
  • ‚Möchte ich doch sein!‘ – ‚Möchte ich doch das sein!‘ – ‚Möchte ich doch genauso sein!‘ – ‚Möchte ich doch anders sein!‘
  • ‚Ich werde sein‘ – ‚Ich werde das sein‘ – ‚Ich werde genauso sein‘ – ‚Ich werde anders sein‘.

Dies sind die achtzehn durch die eigene Person bedingten Fährten des Begehrens.

Im Tantra wird dies folgendermassen Ausgedrückt:

  • Sadasiva Icca – Willing – I’am this
  • Isvara: Jnana – Knowing – I’am this, this I’am (I’am this I’am)
  • Suddha-vidya: Kriya – Acting – This I am

Im Christentum drückt Hildegard von Bingen dies so aus:
„Man solle von sich lassen …“

In den Yogasutras ist es ein Teil der Kleshas der verstrickenden Identifikation, die Anhaftung oder Verklebung und führt damit zur Unruhe des Bewusstseins und Verhinderung des Samadhis.

Somit können wir erkennen, dass ein sauberer Samadhi nicht ohne das: „Loslassen von der Selbstverhexung“ möglich ist. Auch das Herz kann keine Ruhe finden wenn wir in dauernder Unruhe des Geistes hin und her flackern. Wir verstricken uns in uns Selbst und der dauernden Suche nach uns Selbst.

Wenn wir zur Ruhe kommen und alle falschen Identifikationen sich gleichsam des Schmutzes im Brunnen absenken können wir auf den Grund sehen und unser wahres Wesen erkennen …